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Mai 03

Die Hölle von Pörschken.

P1010848Flucht und Vertreibung gehörten zu den schwärzesten Kapitel der Deutschen Geschichte. Das unendliche Leid, Tod und Mißhandlungen, das unsere Landsleute im Kreis Heiligenbeil traf ist tief erschütternd. Die heutige Darstellung der Ereignisse durch Politik und Medien gleichen einem Verbrechen gegen die Wahrhaftigkeit. Es werden diese Schicksale, unserer Landsleute in der öffentlichen Darstellung meist verharmlost. Und unschuldige Opfer, die meist Alte, Frauen und Kinder waren werden zu Tätern gemacht.

Ein besonderes Kapitel aber sind die Erlebnisse unserer Landsleute, die von der Kriegsmaschinerie überrollt z.T. bis 1948 in der Heimat unter russischer Besatzung leben mußten. Bis zu ihrer Ausweisung mußten sie Unglaubliches erleben.

Als ich im Jahre 2010 im Kreis Heiligenbeil unterwegs war, kam ich mit Michael, unserem russischen Taxifahrer auf Pörschken zu sprechen. Michael sagte: „Pörschken, das war damals die Hölle“. Pörschken war 1945-47 ein Ort, in den man Deutsche brachte, um sie dort sterben zu lassen. Pörschen war damals ein „Aussterbeort“!

Im Buch „Der kreis Heiligenbeil“ von Emil Johannes Guttzeit findet sich folgender Bericht über die Hölle von Pörschken, der hier nicht fehlen darf:

Die frühere Lehrerin in Pörschken, Lotte Fleischer, schreibt über ihre Erleb­nisse unter den Russen.

In Neufahrwasser aus dem Krankenhaus entlassen, mußte sie auf Anordnung der Polen zu Fuß zurück. Sie schreibt:

Am 1. Juni 1945 kam ich in Pörschken an. Als ich von Brandenburg den gut bekannten Weg ging und mir nur Russen begegneten, kam Angst über mich. Unseren lieben Kirchturm sah ich nicht mehr, da ahnte ich die Katastrophe. Die Russen ließen mich in Ruhe, fragten nur oft, warum ich weine. Die erste Frau, die ich traf, war Frau Müller. In Pehlkes Haus oben bewohnte ich Frau Liedkes Zimmer. Die Nahrungssorgen waren die schwersten. Wir lebten wie die Urvölker.

1945 brauchten wir noch nicht zu hungern. Roggen und Weizen, den noch unsere Bauern gesät hatten, war gut geraten. Im Juli wurde mit der Ernte be­gonnen, im Oktober war sie noch nicht beendet; alle Maschinen waren fort­genommen, die paar Sensen schafften es nicht. Ich ging auch aufstellen, doch nicht täglich. Die besten Ähren wurden im Säckchen nach Hause genommen. Unsere Nahrung bestand aus Roggenmehlsuppe mit Wasser und Salz und ein paar Scheiben Brot, das wir selbst gebacken hatten. Der Wald lieferte reichlich Pilze und Blaubeeren. Man konnte aber nur in geschlossener Gesellschaft sammeln gehen, sonst war man geliefert. So hat uns der Herrgott gespeist und wunderbar erhalten. Im Herbst erhielten wir Mehlzuteilungen von der russischen Komman­dantur, doch nur die, die arbeiteten. Die anderen bekamen nichts, auch nicht zu kaufen. Ein ganzes Jahr brauchten wir kein Geld.

Wilhelm war Bürgermeister, dann Lambrecht (Frau Andres Verwandter). Er wohnte mit Frau in seinem Haus. Weiter wohnten da: Frau Schwarz mit Kindern, Frau Gehrmann und Tochter Minna, Frau Gehlhaar und Kinder. Von Schwarzens sind bis auf Lisbeth alle tot. Erst starben die beiden Söhne, dann Frau Schwarz, 1947 Traute und Christel. Auch Frau Gehrmann und Tochter und Frau Gehlhaar und drei Kinder starben. Auch Perbandts beide verhungerten, auch Tochter Meta. Frau Jakubowski und ihre vier Kinder starben auch den Hungertod, ebenso Frau Ewert geb. Müller mit Tochter Gisela. In Pörschken sind 1946/47 200 bis 300 Personen verhungert. Das war der schlimmste Winter. Der strenge Frost hielt so lange an. Auf den Feldern fand man nichts mehr, und die kleinen Vorräte reichten nicht lange. Nach Pörschken, Poplitten, Legnitten waren viele aus Zinten und Umgebung hingebracht, auch aus Heiligenbeil. Jedes Haus war voll besetzt. Arbeit war wenig. Es hieß, Pörschken sei Aussterbeort.

Ich wurde als RK-Schwester beschäftigt, weil niemand dazu brauchbar erschien. Eine Typhusepidemie brach aus. Arzneimittel hatten wir fast keine. Von einem deutschen Arzt in Lank bekam ich nur das Allernotwendigste. Jeden Monat starben anfangs 12-15 Menschen. Wieviel Leid ich gesehen habe, ist nicht zu beschreiben, der Herrgott gab mir die Kraft, daß ich alles schaffen konnte. Sieben Russenkinder sind zu meiner Zeit geboren; einige von ihnen habe ich getauft, am Leben blieb keines; die meisten verhungerten. Den kleinen Martin Gesekus taufte ich auch; er starb im Winter 1947, er wurde von Ratten aufge­fressen! Die Mutter, Frau Meta Gesekus, lebte mit Helmut in Kainen. Der konnte gut russisch und war damit gut dran; beide mußten dort bleiben. Familie Trusch lebte in Louisenhof. Pörschken wurde im Mai 1947 geräumt. Dort wurde von Russen eine Kolchose angelegt, sie war auf dem Gehöft von Hasenpusch. Die Sägemühle von Erich Wedekind war in Betrieb. Eine Kolchose war auch in B a r s e n.

Ich hatte im Frühjahr auf Befehl der russischen Kommandantur in Steckels Villa in Ludwigsort ein Waisenhaus eingerichtet. Da das Haus zu klein war, wurde das Heim nach Schneewalde verlegt.

Das Pfarrhaus ist total zerstört, ein Gerippe lag im Amtszimmer. Die Stallungen stehen. Von der Kirche ist nur die Sakristei vorhanden, sonst alles ausge­brannt. Der Friedhof wurde 1946 gesäubert, aber die Russen haben die Grab­denkmäler zerstört und die Lebensbäume zur Ausschmückung bei einem Fest weggenommen. Dem Krieger auf dem Kriegerdenkmal haben die Russen hohn­lachend den Kopf abgeschlagen. Bis 1947 waren die Felder alle unbestellt, nur Unkraut wuchs meterhoch. In den Gärten streiften die Russen umher, und auch wir holten Blumen, Beeren und Obst. Aber alles wurde unreif abgerissen. In Schwanis, Rippen waren Kolchosen, da wurde das Land zum Teil beackert. In Ludwigsort lag alles brach. Die Zahl der Toten in Ludwigsort vermag ich nicht anzugeben. Die Leichen blieben den Winter über unbeerdigt liegen. Erst im Frühjahr, als die Erde auftaute, wurden sie sang- und klanglos verscharrt. In Poplitten fand man Leichen in den Wohnungen, als man im Frühjahr 1947 dort Hafer säen wollte.

Im Dezember 1946 mußte ich den Schwesternberuf aufgeben und Lehrerin an der deutschen Schule in Ludwigsort werden. Alle Arbeitskräfte des RK. wurden entlassen. Nur in den Krankenhäusern Königsberg und Heiligenbeil blieben einige. Um die Kranken kümmerte sich niemand. Die Bürgermeister hatten nur wöchentlich die Toten zu melden. Wer zu mir kam, dem habe ich nach Kräften geholfen, auch Zähne gezogen, am letzten Tage meines Dortseins noch drei Personen. In Ludwigsort blieben noch etwa 100 Menschen zurück, in Pörschken 25, in Rippen etwa 40, in Schwanis 75, in Lank etwa 200, in Heiligenbeil 300, in Brandenburg vielleicht noch 10. Überall sind Russen hingekommen, die die Deutschen verdrängten. In Pörschken wird hauptsächlich Milchwirtschaft getrieben; Deutsche werden da nicht beschäftigt. Der Abschied war trotz allem sehr schwer. Wie Furchtbares hatte man dort erlebt. Oft denke ich auch jetzt noch: Wärst du doch auch unter den dortigen Toten! Aber das Verhungern war furchtbar. Erst waren die Elenden geschwollen, wie Glas, dann vertrockneten sie zum Skelett, und dann war Schluß. Wie entstellt war das Gesicht bei den Verhungerten. Brennesseln, Melde oder Lindenblätter waren meist die Nahrung. Kartoffeln, die vor drei Jahren eingesäuert waren, wurden gegessen. Strömlingsköpfe und Gräten, Kartoffel- und Rübenschalen las man zum Essen vom Misthaufen der Russen auf. Eine Frau mit einem toten Hund im Sack sagte: »Was soll ich meinen Kindern zu essen geben?« Katzen lebten keine mehr in Pörschken, alle waren verspeist. Im letzten Winter haben wir wenigstens etwas Brot gehabt. Gott legt dem Menschen nicht mehr auf, als er tragen kann; er hilft auch die Last tragen und gibt neue Kraft dazu.

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