{"id":48,"date":"2017-05-03T18:24:11","date_gmt":"2017-05-03T18:24:11","guid":{"rendered":"http:\/\/xn--prschken-n4a.de\/?p=48"},"modified":"2017-05-03T18:24:11","modified_gmt":"2017-05-03T18:24:11","slug":"bericht-von-gisela-maus-geb-blck-ber-ihre-kindheit-in-gro-klingbeck-ostpreuen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/xn--prschken-n4a.de\/?p=48","title":{"rendered":"Bericht von Gisela Maus, geb. Bl&ouml;ck, &uuml;ber ihre Kindheit in Gro&szlig; Klingbeck, Ostpreu&szlig;en."},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/xn--prschken-n4a.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Klingbeck.jpg\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Klingbeck\" style=\"margin: 0px 9px 0px 0px; border: 0px currentcolor; padding-top: 0px; padding-right: 0px; padding-left: 0px; float: left; display: inline; background-image: none;\" border=\"0\" alt=\"Klingbeck\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/xn--prschken-n4a.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Klingbeck_thumb.jpg?resize=584%2C379\" width=\"584\" align=\"left\" height=\"379\" \/><\/a>Ich wurde im Jahr 1938 als drittes Kind der Eheleute Emma, geb.Werner, und ihres Ehemannes Franz Bl\u00f6ck geboren. Mein Vater wurde im Jahr 1904 in Neudamm bei K\u00f6nigsberg geboren. Seine j\u00fcngste Schwester, Lisa, war verheiratet mit Fritz Moldenhauer. Sie lebten mit ihren zwei Kindern Reni und Hans auch in Gro\u00df Klingbeck. Sie hatten eine Stellmacherei. Lisa, meine Tante, und ihr Sohn Hans sind noch 1945 in Gro\u00df Klingbeck verstorben. Tochter Renate konnte nach dem Krieg zu ihrem Vater nach Marl in Westfalen ausreisen.<\/p>\n<p>Meine Gro\u00dfmutter m\u00fctterlicherseits ist Caroline Werner, geb. 1876 in Wolhynien, mein Gro\u00dfvater Gottfried, geb. 1860. Er ist etwa 1939 verstorben. Noch heute k\u00f6nnte ich den Weg zu meiner Oma laufen: Entlang des Feldrains, \u00fcber einen kleinen Bach von Stein zu Stein hopsen, und dann unterhalb des Totenberges zum Haus der Oma. Der Totenberg soll seinen Namen deshalb erhalten haben, weil dort sehr viele franz\u00f6sische Soldaten des Napoleonfeldzuges beerdigt waren. Als Kinder sind wir immer mit einem leichten Schaudern vorbeigegangen. Auf der anderen Seite der Hauptstra\u00dfe, die von Zinten nach K\u00f6nigsberg f\u00fchrte, lag der Friedhof. Unten an der Stra\u00dfe lagen die Gr\u00e4ber der Dorfbev\u00f6lkerung und oben auf der Anh\u00f6he lagen die Gr\u00e4ber der Familie der \u201evon der Gr\u00f6bens.\u201c Dieser Friedhof wurde nach dem Krieg durch die Besatzerm\u00e4chte total zerst\u00f6rt. Ich habe geh\u00f6rt, es g\u00e4be nichts mehr, was daran erinnere.<\/p>\n<p>Der Bauernhof meiner Eltern lag an der Hauptstra\u00dfe von Zinten nach K\u00f6nigsberg direkt am Abzweig nach P\u00f6rschken, unserem Kirchort. Unsere Nachbarn waren Tobiss und Peters. Im Dorf gab es einen Kaufmann Freitag. Wir Kinder gingen manchmal dorthin, um kleine Besorgungen f\u00fcr unsere Mutter zu machen. Ich meine heute manchmal noch, diesen eigenartigen Geruch des Ladens in meiner Nase zu sp\u00fcren. Neben der Stra\u00dfe befand sich ein kleiner Graben mit einer Gras bewachsenen B\u00f6schung. Ich erinnere mich an viele gelbe Schl\u00fcsselblumen an der B\u00f6schung, von denen wir unserer Mutter einen Strau\u00df pfl\u00fcckten. <\/p>\n<p>Der Hof meiner Eltern bestand aus dem Wohnhaus, wo auch die Eltern meines Vaters lebten, neben dem Wohnhaus die Stallungen f\u00fcr das Vieh, zwei Scheunen, eine, in der Erntemaschinen, Ger\u00e4te und eine Kutsche standen, und eine Scheune f\u00fcr Stroh, Heu und Getreide. Neben dem Haus befand sich ein gro\u00dfer Garten mit einer Pumpe, mein Vater versuchte sich auch als Imker. Lange Reihen von Johannisbeeren, Stachelbeeren und Rhabarber sowie Apfelb\u00e4ume warteten darauf, abgeerntet zu werden, so dass im Sommer regelm\u00e4\u00dfig meine Tanten zu Besuch kamen. <\/p>\n<p>Mittelpunkt des Dorfes war nat\u00fcrlich das kleine Schloss der Familie von der Gr\u00f6ben. Ich meine zu wissen, es lag von Wasser umgeben auf einer kleinen Anh\u00f6he. <\/p>\n<p>Ich habe es so niedergeschrieben, wie ich es als Kind gesehen und gef\u00fchlt habe.<\/p>\n<p>Wir sind so frei und ungezwungen aufgewachsen. Es hat uns nichts gefehlt. Unsere Spielgef\u00e4hrten waren die Nachbarskinder und unsere Tiere. <\/p>\n<p>Erst im Laufe des Jahres 1944, als viele Fl\u00fcchtlinge aus entfernteren \u00f6stlichen Gebieten wie Litauen und Lettland durch unser Gebiet zogen und auch bei uns \u00fcbernachteten, bekamen wir eine Ahnung vom herannahenden Krieg. Mein Vater war etwa seit 1942 eingezogen und meine Mutter, die mit drei kleinen Kindern den Landwirtschaftsbetrieb aufrechterhalten musste, hatte Unterst\u00fctzung von wechselnden Kriegsgefangenen aus Polen und Frankreich. <\/p>\n<p>Als dann die Lage f\u00fcr meine Mutter immer schwieriger wurde und eines Nachts der Himmel in n\u00f6rdlicher Richtung blutrot war, weil K\u00f6nigsberg brannte, plante meine Mutter mit Hilfe der franz\u00f6sischen Kriegsgefangenen die Flucht. Das alles musste heimlich geschehen, denn nach den Meldungen im Radio ging ja Deutschland immer noch dem Endsieg entgegen, und das Verlassen der Heimat wurde als Landesverrat bestraft. <\/p>\n<p>So war auch unser Aufbruch mit \u00fcberbautem Leiterwagen f\u00fcr uns Kinder eher ein Abenteuer, das aber am selben Tag noch beendet wurde. Wir wurden durch das Milit\u00e4r wieder zur\u00fcckgeschickt, weil f\u00fcr Gro\u00df Klingbeck noch keine Erlaubnis zum Verlassen ausgestellt war. So kamen wir sp\u00e4t abends wieder bei unserem Haus an, um am n\u00e4chsten Morgen in aller Fr\u00fche unsanft geweckt und zum Verlassen unserer Heimat aufgefordert zu werden.<\/p>\n<p>In der Folgezeit ging dann auch das Grauen der Erwachsenen beim Anblick der vielen Toten am Wegrand und im Stra\u00dfengraben oder auch erh\u00e4ngter Leute in den B\u00e4umen auf uns Kinder \u00fcber. <\/p>\n<p>Der Weg \u00fcber das zugefrorene Frische Haff mit weiteren zigtausend Pferdewagen sowie vieler Menschen und Lastwagen, die die Eisdecke in eine d\u00fcnne und br\u00fcchige Matschstrecke verwandelten, ist mir wie ein b\u00f6ser Traum in Erinnerung. Ohne das Geschick unserer zwei Franzosen, unseren Wagen richtig \u00fcber sicheres Eis zu lenken, w\u00e4ren wir sicher nicht heil hin\u00fcber gekommen.<\/p>\n<p>Nach dem \u00dcberqueren des Haffs lagerten wir im Freien in der N\u00e4he des Wassers. Ich erinnere mich mit Grauen, wenn morgens, sobald es aufklarte, die ersten Flieger im Tiefflug und mit schrillem Get\u00f6se \u00fcber uns herflogen und ihre Bombenlast abwarfen. Die Menschen schrien, es knallte \u00fcberall und mein zwei Jahre j\u00fcngerer Bruder schrie wie am Spie\u00df: \u201eTante Else, sind das deutsche Flieger?\u201c Unser Pferdegespann stand wie tausende andere auch auf der Nehrung, weil wir darauf warteten, in den Westen zu kommen, aber der Weg war schon versperrt. <\/p>\n<p>Bei den Fliegerangriffen fl\u00fcchteten wir unter den Pferdewagen. Die Pferde mussten aber t\u00e4glich mit Wasser und Futter versorgt werden. Im Winter in Ostpreu\u00dfen bei zweistelligen Minusgraden keine leichte Aufgabe. Die wenigen M\u00e4nner, die den Treck begleiteten, weil alle wehrf\u00e4higen M\u00e4nner eingezogen waren, schlugen L\u00f6cher in die Eisdecke des Haffs, um Wasser zu sch\u00f6pfen; Bei dieser Arbeit wurde der uns begleitende Franzose Paul durch Granatsplitter lebensgef\u00e4hrlich verletzt. Meine Mutter und Tante Else gingen in das Lazarett, um ihn \u00e4rztlich versorgen zu lassen. Der andere Franzose, den wir Salomon nannten, bat meine Mutter, bei seinem Landsmann bleiben zu d\u00fcrfen. <\/p>\n<p>K\u00f6ln, im Mai 2015<\/p>\n<p>_________________________________________________<\/p>\n<p><i><strong>Nachtrag<\/strong>:<\/i> \u00dcber einen franz\u00f6sischen Verein von Kriegsgefangenen aus dem StaLag IA habe ich den vollen Namen des Franzosen Salomon erfahren. Er ist nach Frankreich zur\u00fcckgekehrt und hat bis 2006 gelebt, war verheiratet und hat mit seiner Frau drei Kinder gehabt. Von dem Franzosen Paul, der beim Pferdeversorgen verwundet wurde, konnte ich leider nichts in Erfahrung bringen. Es w\u00e4re sch\u00f6n, beiden franz\u00f6sischen Familien auch nach dieser langen Zeit noch \u201eDanke\u201c sagen zu k\u00f6nnen. <i>Anja Fischer, Enkelin von Emma und Franz Bl\u00f6ck<\/i><\/p>\n<p>Schwerin, im Mai 2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wurde im Jahr 1938 als drittes Kind der Eheleute Emma, geb.Werner, und ihres Ehemannes Franz Bl\u00f6ck geboren. Mein Vater wurde im Jahr 1904 in Neudamm bei K\u00f6nigsberg geboren. Seine j\u00fcngste Schwester, Lisa, war verheiratet mit Fritz Moldenhauer. Sie lebten mit ihren zwei Kindern Reni und Hans auch in Gro\u00df Klingbeck. 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